HUNDEWISSEN - Plötzlich klappt nichts mehr? Warum dein Hund in der Pubertät anders reagiert – und wie du ihn ruhig und sicher durch diese Phase begleitest.
Alles vergessen? Wenn dein Hund in die Pubertät kommt
Der Rückruf war zuverlässig, Spaziergänge wurden entspannter und plötzlich scheint nichts mehr zu funktionieren. Warum sich Verhalten und Ansprechbarkeit verändern können – und wie du deinen jungen Hund durch diese Phase begleitest.
Vor ein paar Wochen kam dein Hund noch freudig angelaufen, sobald du ihn gerufen hast. Heute schaut er kurz zu dir, steckt die Nase wieder ins Gras und beschäftigt sich weiter mit einer offenbar höchst wichtigen Duftspur.
Auch andere Dinge werden anstrengender: Hundebegegnungen, Warten, ruhiges Vorbeigehen. Vielleicht erschrickt er plötzlich vor etwas, das ihn bisher kaum interessiert hat.
„Hat er wirklich alles vergessen?“
Während des Erwachsenwerdens kann sich das Verhalten deutlich verändern. Manche Hunde werden vorübergehend ungestümer, andere unsicherer. Wieder andere kommen relativ unauffällig durch diese Zeit. Ein schwieriger Tag bedeutet deshalb noch lange nicht, dass eure bisherige Arbeit verloren ist.
Geschlechtsreif ist noch nicht erwachsen
Im Alltag nennen wir die gesamte turbulente Jugendphase oft „Pubertät“. Genau genommen lohnt sich eine Unterscheidung:
Pubertät bezeichnet die Entwicklung zur Geschlechtsreife. Adoleszenz ist die längere Übergangsphase zum erwachsenen Hund.
Die körperliche Fähigkeit zur Fortpflanzung und die Reife des Verhaltens werden also nicht gleichzeitig erreicht.
Die Jugendphase beginnt je nach Hund häufig etwa zwischen dem sechsten und zwölften Lebensmonat. Ihr Verlauf hängt unter anderem von Größe, Rasse und individueller Entwicklung ab. Viele Hunde werden im Laufe des zweiten Lebensjahres reifer; die vollständige soziale Reife kann auch später erreicht werden.
Es gibt deshalb keinen Geburtstag, an dem die schwierige Phase bei jedem Hund zuverlässig endet.
Die Welt bekommt plötzlich mehr Gewicht
Während der Entwicklung verändern sich Hormone und das Nervensystem. Junge Hunde können stärker motiviert sein, ihre Umgebung zu erkunden, zu laufen und Kontakte aufzunehmen. Gleichzeitig fällt es ihnen teilweise schwer, ihre Impulse zu steuern.
Stell dir euren Spaziergang vor: Du möchtest gemütlich weitergehen. Dein Hund entdeckt eine frische Spur, einen Spielpartner und ein raschelndes Gebüsch.
Für dich sind das Nebensächlichkeiten. Für ihn konkurrieren gerade mehrere spannende Möglichkeiten mit deiner Aufforderung.
Daraus ergibt sich eine hilfreiche Frage:
Wie schwer ist das, was ich gerade von meinem Hund verlange?
Ein Rückruf im Wohnzimmer und ein Rückruf neben einem spielenden Hund sind zwei sehr unterschiedliche Aufgaben.
Überraschender Forschungsbefund: Bei Fremden klappte es besser
Eine Studie unter Leitung von Lucy Asher untersuchte, wie Hunde vor und während der Jugendphase auf ein bekanntes „Sitz“-Signal reagierten.
Bei 69 Hunden, die im Alter von fünf und acht Monaten getestet wurden, verschlechterte sich die Reaktion während der Jugendphase, wenn ihre Bezugsperson das Signal gab. Bei einer fremden Person verbesserte sie sich dagegen.
Zusätzlich wurden Fragebögen zu 285 Hunden ausgewertet. Auch hier berichteten die Bezugspersonen von schlechterer Trainierbarkeit um den achten Monat; die weniger vertrauten Trainer bewerteten die Entwicklung anders.
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die beobachtete Veränderung nicht einfach ein allgemeiner Verlust gelernter Fähigkeiten war. Sie hing auch mit dem sozialen Zusammenhang zusammen.
Die Untersuchung betraf überwiegend für die Assistenzhundearbeit aufgezogene Hunde bestimmter Rassen. Daraus lässt sich weder eine Regel für jeden Hund noch die Absicht ableiten, seine Menschen gezielt zu ärgern.
Mach das Training wieder leichter
Wenn eine bekannte Übung plötzlich nicht funktioniert, hilft es, ihre Schwierigkeit zu prüfen.
| Was gerade schwierig ist | Wie du die Aufgabe erleichtern kannst |
|---|---|
| Rückruf neben spielenden Hunden | Mit deutlich mehr Abstand üben |
| Orientierung auf einem belebten Weg | Eine ruhigere Strecke wählen |
| Langes Warten | Mit kurzen, gut bewältigbaren Momenten beginnen |
| Mehrere Ablenkungen gleichzeitig | Zunächst nur eine überschaubare Ablenkung einbauen |
Das entspricht einem grundlegenden Trainingsprinzip: Die Reaktion deines Hundes bestimmt, wann die Schwierigkeit steigen kann. Kurze, häufigere Einheiten und auch leichtere Wiederholungen können sinnvoller sein als ständig anspruchsvollere Aufgaben.
Eine gelungene kleine Übung gibt dir etwas, das du belohnen kannst. Zehn erfolglose Wiederholungen liefern diese Gelegenheit nicht.
Beim Rückruf zählt, was nach dem Ankommen passiert
Du rufst. Dein Hund kommt erst beim dritten Versuch. Jetzt bist du genervt.
Gerade dieser Moment ist wichtig: Bleib freundlich, wenn er ankommt. Schimpfen kann das Zurückkommen unangenehm machen.
Dogs Trust empfiehlt, Rückruf zunächst in einer ruhigen, sicheren Umgebung zu üben, passende Belohnungen einzusetzen und Abstand sowie Ablenkung schrittweise zu steigern. Ein Signal sollte nicht ständig wiederholt werden, wenn der Hund voraussichtlich ohnehin nicht reagieren kann.
Ist der Rückruf derzeit unzuverlässig, hilft eine Schleppleine am gut sitzenden Geschirr, sicher zu üben. Sie sollte nicht dazu dienen, den Hund ruckartig zu dir zu ziehen. Freilauf braucht einen sicheren Rahmen und einen Rückruf, auf den du dich in der jeweiligen Situation verlassen kannst.
Vielleicht ist euer Fortschritt heute, dass dein Hund sich von einer mäßig interessanten Duftstelle löst. Das ist eine gute Grundlage für schwierigere Situationen.
Plötzlich unsicher? Nimm die Veränderung ernst
Ein Müllcontainer, ein fremder Mensch oder eine Hundebegegnung kann auf einmal schwieriger wirken als bisher.
Manche junge Hunde werden während ihrer Entwicklung nervöser oder verändern ihre Vorlieben für Sozialkontakte. Sie müssen deshalb nicht zu jeder Begrüßung oder in jedes Spiel gedrängt werden.
Gib deinem Hund Zeit, Abstand und die Möglichkeit, eine Situation zu beobachten. Vertraute, passende Kontakte können angenehmer sein als ständig neue Begegnungen.
Dass er als Welpe mit fast jedem Hund spielen wollte, verpflichtet ihn nicht dazu, diese Vorliebe dauerhaft beizubehalten.
Aufreiten erzählt nicht nur eine hormonelle Geschichte
Auch Aufreiten kann in dieser Zeit häufiger auffallen. Die Erklärung „Das sind eben die Hormone“ greift jedoch manchmal zu kurz.
Rüden und Hündinnen können aufreiten. Neben sexueller Motivation kommen unter anderem aufregendes Spiel, starke Erregung oder Stress infrage. Auch medizinische Beschwerden können eine Rolle spielen.
Beobachte deshalb den Zusammenhang: Passiert es nach wildem Spiel? Bei Besuch? Immer gegenüber demselben Hund?
Unterbrich Situationen frühzeitig und ruhig, wenn ein anderer Hund oder Mensch bedrängt wird. Bei häufigem, neuem oder schwer unterbrechbarem Verhalten ist fachlicher Rat sinnvoll.
Mehr Energie braucht passende Beschäftigung und Ruhe
Ein lebhafter Junghund verleitet dazu, das Programm immer weiter auszubauen: längere Spaziergänge, mehr Ballspiele, noch eine Trainingsrunde.
Doch Bewegung sollte zu seinem Entwicklungsstand passen. Suchspiele, Futterpuzzles oder kleine Trainingsaufgaben bieten zusätzliche Beschäftigung, ohne dafür immer längere körperliche Belastung zu verlangen.
Auch Ruhe lässt sich unterstützen. Beginne an einem wenig ablenkenden Ort und belohne kleine Zeichen des Entspannens. Dogs Trust nennt beispielsweise bequemes Verlagern des Gewichts oder das Ablegen des Kopfes. Die Schwierigkeit steigt erst allmählich.
Eine Pause darf im Tagesablauf genauso selbstverständlich sein wie Spiel und Bewegung.
Verlässlich bleiben hilft mehr als härter werden
Klare Regeln können Orientierung geben. Überlege, welches Verhalten du möchtest, und schaffe Gelegenheiten, es zu üben.
Soll dein Hund Besucher mit vier Pfoten auf dem Boden begrüßen? Dann gestalte die Begrüßung so, dass das gelingen kann, und belohne passende Momente.
Strafbasierte und konfrontative Methoden sind dagegen mit einem höheren Risiko für Angst, Vermeidung und Aggression verbunden. Belohnungsbasiertes Training bietet einen sinnvolleren Weg, erwünschtes Verhalten aufzubauen.
Konsequent sein kann heißen, freundlich und vorhersehbar zu bleiben – auch wenn du dieselbe Übung wieder leichter machen musst.
Kastration ist keine pauschale Lösung
Bei einem anstrengenden Junghund taucht schnell die Frage auf, ob eine Kastration ihn ruhiger machen würde.
Sie kann bestimmte hormonell beeinflusste Verhaltensweisen verändern. Viele andere Faktoren bleiben jedoch bestehen. Deshalb sollte sie nicht als allgemeine Antwort auf Trainingsprobleme oder schwieriges Verhalten betrachtet werden.
Besprich die möglichen Vorteile, Risiken und den geeigneten Zeitpunkt individuell mit deiner Tierärztin oder deinem Tierarzt.
Nicht alles ist „nur Pubertät“
Warte bei zunehmender Angst, deutlicher Aggression oder anhaltenden Schwierigkeiten nicht einfach auf das Erwachsenwerden. Auch gesundheitliche Ursachen können Verhalten beeinflussen und sollten abgeklärt werden.
Hilfreich sind konkrete Notizen: Wo klappt eine Übung noch? Was hat sich verändert? Welche Ablenkungen waren vorhanden? Wie schnell kommt dein Hund wieder zur Ruhe?
Beobachte dabei auch das, was gelingt: einen freiwilligen Blick zu dir, einen kurzen gelungenen Rückruf, eine entspanntere Begegnung.
Dein Hund entwickelt sich weiter. Eure Aufgaben dürfen sich dabei verändern.
Du musst diese Phase nicht perfekt meistern. Du kannst deinem Hund mit sicheren Rahmenbedingungen, passenden Übungen und Geduld helfen, Schritt für Schritt erwachsener zu werden.